Hallo Welt

von John Nitsche (Klasse 11) aus der Schülerzeitung "der Zeppelin" (2013)

"Vaterland. Freiheit. Fortschritt" Das ist nicht die Losung einer Partei zu den Europawahlen, die letztens stattfanden, sondern der Wahlspruch einer sehr interessanten Nation. Natürlich handelt es sich um Madagaskar, dem Inselstaat, dessen Namen man als Schüler unserer Schule schon einmal gehört haben sollte. "Vaterland. Freiheit. Fortschritt." Denkt man bei diesen Worten an Madagaskar? Der zweitgrößte Inselstaat der Welt soll väterlich, frei und fortschrittlich sein? Nein, würden wir sagen. Wir, die aus dem reichen entwickelten Deutschland kommen, ist Madagaskar einfach ein Land der vielen sogenannten Entwicklungsländer. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 471 US-Dollar pro Kopf und einem HDI von 0,483 gehört Madagaskar tatsächlich zu den 50 Staaten der Erde, welche am wenigsten entwickelt sind. Und auch andere Werte belegen diese Aussage. Ist das wirklich fortschrittlich? Und was hat es mit den Worten Vaterland und Freiheit auf sich? Sind dies auch nur Zustände die man (aus unserer Sicht) die man nicht mit Madagaskar verbinden kann? Um all diese Fragen beantworten zu können, muss man einen Blick in die Geschichte Madagaskars geworfen haben.

 

Der erste Europäer, welcher Madagaskar entdeckte war Diago Dias im Jahr 1500. Obwohl es nach dieser Zeit viele Handelsbeziehungen von Europa nach Indien gab, hatte die madagassische Insel eine eher unwichtige Rolle übernommen. Sie wurde lediglich oft von Sklavenhändlern heimgesucht, die in Madagaskar die Einheimischen verschleppten und diese für ihre eigenen Zwecke missbrauchten. Auch wurde Madagaskar zu einer Basis der Piraterie, da die Insel zwar relativ zentral an den Schiffsrouten der Europäer lag, aber trotzdem abseits genug, um nicht in das Kreuzfeuer zu geraten. Im 17. Jahrhundert begann die Kolonialisierung durch Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Die britische Kolonie hatte jedoch Probleme mit der feindlichen indigenen Bevölkerung Madagaskars, dem harten Klima und verschiedene Krankheiten, sodass diese schnell aufgegeben wurde. Im 19. Jahrhundert gelang es dann schließlich Frankreich die Macht des einstigen Königreiches Madagaskars unter die Führung der Königin Ranavalona III. an sich zu reisen. Madagaskar wurde so 1896 zu einer französischen Kolonie. Während der Kolonialzeit wurden die Einheimischen stark unterdrückt, französische Fabrikanten beuteten die Grafit- und Glimmerressourcen aus, und die Bevölkerung musste auf Plantagen für Kaffee und Reis arbeiten. Während des zweiten Weltkrieges landeten britische Truppen auf der Insel, mit dem Vorwand einer Landung japanischer Truppen zuvorkommen zu wollen. Tatsächlich gab es während des Krieges Gerüchte, dass das Naziregime Madagaskar nutzen wollte, indem man die Juden, die zu dieser Zeit von Nationalsozialismus verfolgt wurden, auf diese Insel deportiert. Nach dem zweiten Weltkrieg (und auch davor) strebten die Madagassen nach Unabhängigkeit von Frankreich, weshalb es im Jahr 1947 zu mehreren gewaltreichen Aufständen kam. Ein Siebtel der Gesamtfläche der Insel wurde zunächst zurückerobert, jedoch wurde die Rebellion ein Jahr später von der französischen Armee niedergeschlagen und das Land zurückerobert. Viele Madagassen verloren bei diesen Kämpfen ihr Leben. Am 26. Juni 1960 wurde Madagaskar schließlich unabhängig. Die Republik Madagaskar wurde gegründet. Nach einer gewählten sozialdemokratischen nostalgischen später einer mehr nationalistischen Politik, herrschte in Madagaskar zwischen 1972 und 1975 eine Militärdiktatur, welche danach einem sozialistischen geprägtem Regime wich, nachdem es starke Proteste unter den Einwohnern gab. Ein Merkmal der darauffolgenden Politik war, dass viele multinationale Unternehmen nationalisiert wurden. Darunter auch viele Agrarunternehmen. Diese Politik führte daraufhin zu einer schweren Wirtschaftskrise. Besonders schlimm daran war, dass es auch zu Engpässen kam, was Nahrungsmittel angeht. Da nicht mehr ausreichend Reis der Bevölkerung bereit gestellt werden konnte, kam es zu schweren Hungersnöten in dieser Zeit. Schwarzmärkte entstanden und die Zahl der Arbeitslosen stieg ebenfalls. Im Jahr 1992 wurde dem Oberhaupt Ratsiraka die Macht aus den Händen gerissen. Eine neue Verfassung wurde verfasst, die Madagaskar zu einer Präsidialrepublik machte. Im Jahr 1996 wurde Ratsiraka jedoch wieder zum Präsidenten gewählt. Im April 2002 wurde Marc Ravalomanana Präsident Madagaskars. Ratsiraka floh. 2006 versuchte ein General ein Militärputsch an Ravalomanana durchzuführen, was jedoch scheiterte und Ravalomanana wurde zum neuen Präsidenten gewählt. 2009 kam es zu einem Regierungsumsturz. Nach Protestunruhen dankte Ravalomanana ab, nachdem der Druck auf ihn stieg und floh ins Exil. Danach wurde der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo Andry Rajoelina neuer Führer einer nicht legitimen Übergangsregierung, bis im Dezember 2013 erstmals unter der Beobachtung der Internationalen Staatengemeinschaft neue Präsidentschaftswahlen durchgeführt wurden. Sieger war Hery Rajaonarimampianina, der heute das Staatsoberhaupt der madagassischen Republik ist.

 

Geschichtlich gesehen hat Madagaskar also einiges hinter sich. Derzeit wird Madagaskar von Grund auf reformiert. Nachdem Madagaskar eine demokratische Regierung aufstellen konnte, investiert die Regierung, die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank und sogar die Europäische Union in die Infrastruktur, Bildung und Wirtschaft. Nachdem in den vergangen Jahrhunderten die Wirtschaft nur auf die Befriedigung von Nahrungsmitteln (Reis) ausgelegt war, wird die Wirtschaft zunehmend stärker auf den Export von Waren vorbereitet. Toamasina, der bedeutendste Hafen Madagaskars, gilt als großer Umschlagplatz für viele Waren aus aller Welt. Und der rohstoffreiche Boden Madagaskars sorgt dafür, dass der Bergbau in Fahrt kommt. Nickel und Titan können so in die ganze Welt exportiert werden. Außerdem exportiert Madagaskar Textilien, aber auch madagassische Vanille und Garnelen gelten weltweit als Spezialität.

 

Madagaskar hat wie gesagt in den letzten Jahrhunderten viel durchmachen müssen. Aber was ist nun mit dem Wahlspruch "Vaterland. Freiheit. Fortschritt."? Ich denke, dass dies im Auge des Betrachters liegt. Die Statistiken sagen, wie eingangs erwähnt, dass Madagaskar noch sehr schlecht entwickelt ist. Trotzdem zeigen diese auch, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zwischen 2006 und 2007 von 289 auf 370 US-Dollar gestiegen ist. Deutschland hat mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von ca. 45.000 US-Dollar einen wesentlich höheren Wert, was sagen soll, dass Madagaskar keines Wegs den Gipfel des Berges Reichtum erlangt hat, beziehungsweise den weg aus Armut und Elend gefunden hat. Trotzdem hat Madagaskar Fortschritte auf den Weg zur Freiheit von Armut und Elend gemacht. Damit Madagaskar schließlich ein gutes Vaterland für jeden werden kann. Die demokratischen Wahlen des Präsidenten haben bestimmt zu diesem Fortschritt beigetragen.